. .

22. März 2017

Vor 100 Jahren: Die Reise Lenins und der „Leninwagen“

Im April 1917 reisten russische Revolutionäre, darunter Wladimir Iljitsch Lenin, in einem verplombten Durchgangswagen der 2. und 3. Klasse von der Schweiz aus durch Deutschland bis nach Russland.

Auf den ersten Blick sieht man dem alten preußischen Schnellzugwagen im früheren Kaiserbahnhof Potsdam seine wechselvolle Geschichte nicht an. Von außen schaut er aus wie ein normaler Reisezugwagen aus dem 19. Jahrhundert. Doch der 1912 fertig gestellte Wagen wurde im Innern komplett umgebaut und dient seit 2005 als Veranstaltungsort für die Führungskräfte-Akademie der Deutschen Bahn AG, die im Kaiserbahnhof residiert.

Der „Leninwagen“ steht seit 2005 im alten Kaiserbahnhof Potsdam, heute DB Akademie, Quelle: Deutsche Bahn AG/DB Akademie

Der „Leninwagen“ steht seit 2005 im alten Kaiserbahnhof Potsdam, heute DB Akademie


Zuvor war der Wagen schon für viele Zwecke im Einsatz. Unter anderem stand er als Museumswagen 13 Jahre lang auf der deutschen Ostseeinsel Rügen am Bahnhofsvorplatz in Saßnitz, um an die berühmte Reise des russischen Revolutionärs Lenin im April 1917 zu erinnern. Der Sozialist war vor 100 Jahren mit der Eisenbahn von Zürich nach Saßnitz gefahren, um von dort aus weiter nach Russland zu reisen, wo er wenig später die russische „Oktoberrevolution“ anführte.

Zwar war der Saßnitzer Museumswagen nicht das originale Fahrzeug, in dem Lenin gereist war. Für die Verantwortlichen in der DDR, die 1977 die Gedenkstätte errichteten, kam es jedoch auf die politische Symbolik an: Die Reise Lenins galt als Ausgangspunkt für den Erfolg der russischen Oktoberrevolution und den nachfolgenden Sieg des Sozialismus.  

Abgesehen von der historischen Bedeutung erlangte die Reise Lenins noch aus einem anderen Grund Berühmtheit: Denn die Fahrt fand in einem verplombten Eisenbahnwagen statt.

Die Reise Lenins im verplombten Eisenbahnwagen

Lenin, der ursprünglich Wladimir Iljitsch Uljanow hieß, war nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges in die Schweiz geflüchtet, wo dem Sozialisten und erklärten Gegner des Zarenregimes Asyl gewährt wurde. Von dort aus beobachtete er aufmerksam die Entwicklungen in der Heimat.

Anfang März 1917 entlud sich der wachsende Unmut in der russischen Bevölkerung in einem Aufstand von Arbeitern und Soldaten in Petrograd, der damaligen Hauptstadt Russlands, die heute wieder St. Petersburg heißt. Zar Nikolaus II. wurde am 15. März zur Abdankung gezwungen, die Regierungsgeschäfte übernahmen die bürgerlich-liberale Provisorische Regierung und der „Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten“.

Nach diesen Ereignissen sahen Lenin und weitere Genossen, die mit ihm in die Schweiz emigriert waren, ihre politische Chance gekommen. Man plante so schnell wie möglich nach Russland zurückzukehren. Da eine Fahrt über Frankreich oder das Mittelmeer aus mehreren Gründen ausschied, favorisierte Lenin die Route über das Gebiet des Deutschen Kaiserreichs.

Doch die Reise durch Deutschland, das sich zu diesem Zeitpunkt mit Russland im Krieg befand, war diplomatisch heikel. Die deutsche Regierung war zwar bereit, Lenin zu unterstützen. Denn sie hoffte, im Fall einer Regierungsübernahme durch die Revolutionäre einen Waffenstillstand mit Russland und ein Ende des Zweifrontenkrieges zu erreichen. Eine öffentliche Unterstützung des Reisevorhabens durch die deutsche Regierung war aufgrund des Kriegszustandes aber undenkbar – und nicht im Interesse Lenins. Um in seiner Heimat nicht als Agent des Deutschen Kaiserreichs zu gelten, forderte er für den Eisenbahnwagen, der ihn und seine Genossen durch Deutschland fahren sollte, Exterritorialität: Der Wagen sollte als „russisches Territorium“ gelten und die Reisenden sollten ihn während der Fahrt nicht verlassen dürfen.

Der Schweizer Sozialist Fritz Platten, der Lenin und seine Genossen 1917 begleitete, veröffentlichte 1924 eine Sammlung von Dokumenten und Berichten über die Fahrt., Quelle: DB Museum

Der Schweizer Sozialist Fritz Platten, der Lenin und seine Genossen 1917 begleitete, veröffentlichte 1924 eine Sammlung von Dokumenten und Berichten über die Fahrt.


Die genauen Umstände der Fahrt wurden von Unterhändlern beider Seiten ausgehandelt, wobei die deutsche Regierung die Pläne kurzfristig abänderte. Sie billigte zwar prinzipiell die geforderte Exterritorialität des Eisenbahnwagens, ließ aber zwei deutsche Begleitoffiziere als Eskorte mitfahren.

So reisten die russischen Revolutionäre am 9. April 1917 zunächst bis zur schweizerisch-deutschen Grenze nach Gottmadingen, dort stiegen sie am frühen Morgen des 10. April in den deutschen Sonderwagen um, dessen Türen, nachdem alle eingestiegen waren, verplombt wurden. Nur eine Tür blieb offen, damit die zwei deutschen Begleitoffiziere sowie der ebenfalls mitreisende Schweizer Genosse Fritz Platten bei Zwischenaufenthalten den Wagen verlassen konnten.

Das am Ende des Wagens gelegene Offiziersabteil galt als einziges während der Fahrt als „nichtrussisches Territorium“. Die „Grenze“ zwischen russischem und nichtrussischem Gebiet wurde im Seitengang durch einen aufgemalten Kreidestrich symbolisiert, der von den Reisenden nicht überschritten werden durfte.

Bei dem verplombten Eisenbahnwagen handelte es sich um einen Durchgangswagen 2. und 3. Klasse (Näheres zu dem Fahrzeug ist nicht bekannt). Lenin und seine Frau erhielten ein eigenes Abteil 2. Klasse, das Gepäck der Reisegruppe wurde in einem ebenfalls verplombten Gepäckwagen verstaut. Beide Sonderwagen wurden während der Fahrt, die über Frankfurt am Main und Berlin führte, als Kurswagen an reguläre Züge angehängt.

Am 11. April 1917 trafen die Wagen in Saßnitz ein, von wo aus die Reisegruppe am folgenden Tag mit dem Schiff nach Schweden übersetzte. Von dort aus reiste sie per Schlitten und Zug über das damals zu Russland gehörende Finnland weiter, bis sie am 16. April schließlich in Petrograd eintraf. Wenige Monate später gelang es Lenin und seinen Genossen in der Oktoberrevolution die Regierungsgewalt in Russland zu übernehmen. Die Revolution wurde später als Beginn der sozialistischen Gesellschaftsordnung verherrlicht, so auch in der DDR.

.

Die Gedenkstätte in Saßnitz und der „Leninwagen“

Zur Erinnerung an die Ereignisse beschloss das Politbüro der DDR 1977 – zum 60. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution – in Saßnitz eine Gedenkstätte einzurichten. Der originale Wagen, in dem Lenin gereist war, existierte zwar nicht mehr, doch bei der DDR-Reichsbahn (DR) fand sich ein Wagen ähnlicher Bauart.

Der sechsachsige Schnellzugwagen 3. Klasse war 1912 in Görlitz für die früheren Preußischen Staatseisenbahnen gebaut worden und diente zuletzt als Mannschaftswagen in einem Bauzug der DR. Mitte der 1970er Jahre wurde er im Reichsbahnausbesserungswerk Potsdam unter Mitwirkung des Verkehrsmuseums Dresden zum Museumswagen umgebaut. Außen erschien er fortan als 1., 2. und 3. Klasse-Wagen, im Innern gab es nur noch zwei Abteile, der übrige Teil des Wagens war für die Museumszwecke umgestaltet worden.

Der preußische Schnellzugwagen während seiner Zeit als Museumswagen in Saßnitz, Quelle: Stadtarchiv Saßnitz

Der preußische Schnellzugwagen während seiner Zeit als Museumswagen in Saßnitz


In den 13 Jahren, in denen die Gedenkstätte bestand, besuchten vor allem viele Schulklassen und Kollektive mehr oder weniger freiwillig die Gedenkstätte und lernten im „Leninwagen“ die Anfänge des Sozialismus kennen sowie die legendäre Geschichte von der Reise Lenins im verplombten Eisenbahnwagen.

Nach der Wiedervereinigung

Nach dem Mauerfall 1989 und dem Ende der DDR beschloss die Stadt Saßnitz, das kleine Museum aufzulösen. Der Ausstellungswagen wurde 1990 an die Reichsbahn zurückgegeben, die ihn weitergab an das Verkehrsmuseum in Nürnberg, dem heutigen DB Museum.

Das Museum behielt die in den 1970er Jahren eingebaute Inneneinrichtung bei und ließ den Wagen nur äußerlich aufarbeiten. Dabei wurde aus dem Saßnitzer 1., 2. und 3. Klasse-Wagen wieder ein reiner 3. Klasse-Wagen, wie bei seiner Indienststellung 1912. Zudem erhielt das Fahrzeug eine neue Wagennummer, intern firmierte er allerdings weiter als „Leninwagen“.

Als die Deutsche Bahn AG Anfang der 2000er Jahre die Renovierung des alten Kaiserbahnhofs in Potsdam plante, kam auch der frühere „Leninwagen“  ins Gespräch. Der preußische Schnellzugwagen erschien als passendes Pendant zum einstigen Salonwagen der Kaiserin Auguste Viktoria, der heute ebenfalls  in der DB Akademie steht. Da an dem „Leninwagen“ nur noch wenige Teile original erhalten waren und das Fahrzeug zudem renovierungsbedürftig war, wurde der Umbau zum Konferenzwagen beschlossen.

Der alte Kaiserbahnhof in Potsdam während der Sanierungsarbeiten 2004, Quelle: DB Museum

Der alte Kaiserbahnhof in Potsdam während der Sanierungsarbeiten 2004


Den Umbau des Schnellzugwagens und des Salonwagens der Kaiserin Auguste Viktoria übernahm das Ausbesserungswerk Wittenberge. Dort wurden beide Wagen außen in ihren Zustand vor dem Ersten Weltkrieg wiederhergestellt. Im Innern jedoch erhielten sie jeweils zwei Seminarräume, eine Klimaanlage sowie moderne Audio- und Videotechnik.

Seit der Eröffnung des Kaiserbahnhofs 2005 werden die Wagen von der DB Akademie für Veranstaltungen genutzt. Einmal mehr in seiner über 100jährigen Geschichte hat damit der frühere preußische Schnellzugwagen und spätere „Leninwagen“ eine neue Bestimmung erhalten.

Technische Daten
Baujahr1912
HerstellerAktiengesellschaft für Eisenbahnmaterial zu Görlitz
Umbau 1977Raw Potsdam
Umbau 2004DB Fahrzeuginstandsetzung GmbH Werk Wittenberge
BauartC6ü (CCü)*
Achsen2 dreiachsige (ursprünglich zweiachsige) Drehgestelle**
Höchstgeschwindigkeit120 km/h
Gewicht48,65 t
Länge ü. P.20.350 mm

* In der Gedenkstätte in Saßnitz wurde er als Bauart ABCCü ausgegeben. Dies wurde 1990/91 in der Außengestaltung wieder rückgängig gemacht.

** Wann aus dem 4-achsigen ein 6-achsiger Wagen wurde, ist nicht bekannt.

Wagennummern
betrieblich
K.P.E.V.   Nr. unbekannt
Ab 1919 AL***4054
Ab 1925 AL11 182
1942-1945 260353 Saarbrücken
Ab 1945 DR-OstNr. unbekannt
Museumsnummerierungen
1977-199103485 Berlin
1991-2004 0604 Berlin
Seit 2004 01864 Altona

***1919 erhielt die AL (Eisenbahn in Elsaß-Lothringen) den Wagen als Waffenstillstandswagen. 

Standorte als Museumswagen
1977-1990Gedenkstätte Saßnitz
1991-2004DB Museum Nürnberg
Seit 2005Kaiserbahnhof Potsdam